Marda

„Ich bin Marda. Mit d.“ Sie lächelt. Ich setze mich ihr gegenüber und höre zu.

„Das Sommerfest hier ist ganz nett, ja. Die Musik ist sehr schön, die gefällt mir gut. Nur wird das irgendwann zu hektisch und so laut. Die Musiker denken ja, so ein bisschen Uftata macht ein paar Alten Spaß. Aber mir ist das zu anstrengend. Zwei Lieder hätten auch schon gereicht.

Manchmal schau ich mich hier um, schaue die anderen Leute an und denke: ach, die, die nichts mehr mitkriegen, die Dementen… die haben´s gut. Manchmal willst du das alles gar nicht mehr sehen und auch nicht mehr erleben. Die Mitarbeiter hier sind toll! Sie leisten wirklich ganz große Arbeit. Aber auch die kriegen nichts mehr mit. Schlafwandeln durch ihren Tag. Stehen morgens auf, trinken ihren Kaffee, kommen hier her, gehen von Zimmer zu Zimmer, halten hier und da ein Schwätzchen, leisten eben ihre Arbeit. Anschließend geht´s wieder ins traute Heim. Abendessen, dann ins Bett. Und am nächsten Tag dasselbe Spiel. Tag für Tag. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Ich sage Ihnen: Man hat´s hier nicht leicht, wenn man noch voll und ganz da ist. Und alles mitkriegt.

Stellen Sie sich vor, ich war ja nicht mal krank oder pflegebedürftig. Ich bin nur kurz dem Kartoffelmann hinterhergesprungen, weil ich gerne frischen Spargel bei ihm kaufen wollte. Dann war er bloß schon weg. Und wie ich mich umgedreht habe und wieder ins Haus rein wollte, hab ich eine Stufe übersehen. Oberschenkel gebrochen. Nur, weil ich die eine kleine Stufe hinuntergefallen bin. Und plötzlich sitze ich im Rollstuhl, kann nicht mehr laufen. Kann kaum noch was alleine machen. Im Alter hat man eben Knochen aus Glas. Ein kleiner Fehltritt verändert alles. Glauben Sie mir, ich wollte mich sehr gerne umbringen. Einfach in den Fluss hüpfen. Aber nicht mal das kann ich, komme ja alleine nicht über´s Brückengeländer.

Man findet sich halt damit ab. Könnt schlimmer sein. Ich bin ja auch ganz zufrieden hier. Meine Familie kommt ab und zu vorbei. Zwei Söhne hab ich. Der ältere ist letzte Woche achtundsechzig geworden. Übermorgen holt er mich ab, dann gehen wir ein Eis essen. Ich komme mittlerweile nicht mal mehr alleine in sein Auto rein, das ist so tief, früher waren die Autos nicht so. Muss er mir immer helfen. Ist schon anstrengend, wenn die eigene Mutter im Rollstuhl hockt und immer auf dich angewiesen ist…

Stellen Sie sich vor! Einer meiner Enkel hat erst letztens mit seiner Frau das erste Kind gekriegt. Die haben sich auch eine Wohnung gekauft. Im dritten Stock. Die kann ich nicht mal besuchen. Wie soll ich denn da hochkommen? An sowas denken die ja gar nicht. Und selbst wenn: ich bin die Oma. Meine Geschichten sind denen doch zu langweilig.

Als würde ich hier festsitzen. Bleibe jetzt halt zum Sterben hier.“

Mit gläsernen Augen schaut sie hinaus auf den grünbepflanzten Hof.

„Schauen Sie mal, das Fenster da. Da, wo diese hübschen Margeriten blühen. Das ist meiner Zimmer. Wenn mal mein Enkel mit Frau und Kind kommt, da wird´s schon eng da drin. Aber es gefällt mir. Möchten Sie mein Zimmer mal sehen?“

Ich nicke. „Na kommen Sie, ist ja grad hier um´s Eck rum.“

Ich stehe auf, laufe hinter ihren Rollstuhl und beginne zu schieben.

„Ich möchte Ihnen nur kurz was zeigen.“

Vor ihrer Zimmertür angekommen, versucht sie sich langsam aus eigener Kraft aus ihrem Rollstuhl zu erheben. Ich biete ihr meine Hand an.

„Nein nein, das schaffe ich allein. Stehen kann ich noch. Jetzt schauen Sie mal, wo ich meinen Schlüssel versteckt hab!“

Mit einem frechen Lächeln auf ihren Lippen zeigt sie auf das rote Sitzkissen, das in ihrem Rollstuhl liegt.

„Da, heben sie das mal hoch.“

Ich hebe das Kissen an und sehe ein kleines schwarzes Ledertäschchen.

„Das ist ein wirklich raffiniertes Versteck, das ich da hab! Finden Sie nicht auch? Öffnen Sie das Täschle und schließen Sie mir bitte die Türe auf.“

Ich öffne das Täschchen, hole den darin liegenden Schlüssel raus, stecke ihn in das Schlüsselloch ihrer Zimmertür und öffne sie.

„So, jetzt müssen Sie mich auch reinschieben!“

Vor mir öffnet sich eine kleine neue Welt. Voller Erinnerungen. Voller Geschichten. Die Wände sind in einem zarten buttermilchfarbenen Gelb gestrichen. Rechts in der Ecke ein Bett. Darauf eine Decke in derselben Farbe, wie die Wände. Ein Fernseher. Eine Fernsehzeitung. Ein kleiner hölzerner Esstisch mit drei Stühlen. Eine große Terrassentür mit Blick auf den Hof.

„Und jetzt schauen Sie mal hier auf meine kleine Fotowand! Das ist mein ganzer Stolz! Das bin ich, da im Schwimmbecken! Dreimal die Woche war ich Schwimmen, bis ich siebenundachtzig war! Bin immer selber zum Schwimmbad gelaufen und wieder zurück. Schwimmen. Meine Leidenschaft. Das war immer toll, sage ich Ihnen! Ich war immer im ganzen kalten Becken. Im ganz kalten! Wie ein junger Fisch bin ich da durch´s Wasser geschwommen. Ich wollte ja oft schon gar nicht mehr nach Hause gehen!

Und das hier: Das ist meine ganze Familie! Wenn ich traurig bin, dann schau ich mir die Bilder an und denke: du hast nicht umsonst gelebt!“

Ich schaue mir schweigend die Bilder an. Ihre Familie. Männer und Frauen mit Kindern. Alle sorgfältig platziert, in der Mitte sie selbst. Die perfekten Familienfotos. So viele Menschen. So fremd für mich. So fremd für sie.

Ein Bild fällt mir besonders ins Auge. Nicht, weil es schwarzweiß ist. Nicht, weil darauf ein junges Hochzeitspaar abgebildet ist. Nicht, weil sie glücklich lächeln. Sondern, weil sie mich an meine Oma erinnert.

Sie schweigt eine Weile. Ihre Augen sehen aus, als spielte sich ihre Hochzeit just in diesem Moment in ihrem Kopf ab. Sie und er. Endlich vereint. Krieg. Angst. Nur dieser eine Tag. Voller Glück. Voller Liebe.

„Ich langweile Sie bestimmt mit meinen Geschichten. Jetzt bin ich ja auch fertig.“

Ich muss Lächeln. Marda. Dreiundneunzig. So viel erlebt. So viel gesehen. So viel ertragen. Und sagt, sie sei langweilig.

Ich schiebe sie wieder aus ihrem Zimmer hinaus. Verlasse ihre Welt. Fühle mich wie betäubt. Ich schließe die Tür ab und gebe ihr den Schlüssel zurück. „So jetzt gibt´s glaub noch Grillwürschtle. Naja, schauen wir mal. Lang halt ich´s auf dem Sommerfest auch nicht mehr aus.“

Ich bringe sie zurück und bedanke mich für das Gespräch.

Ich begebe mich wieder in einen Nebenraum. Hier kann ich alleine sein. Fühle ich mich anders. Ruhig. Still. Ich packe Kamera, Mikrofon und Stativ in die dafür vorgesehene Tasche. Eigentlich bin ich nur hier, um ein kurzes Video über ein Sommerfest im Altenheim zu drehen. Ein paar Leute soll ich interviewen. Fragen, ob ihnen das Fest gefallen hat. Stattdessen so etwas zu erleben… damit habe ich nicht gerechnet.

Ich fahre zügig nach Hause. Diese Geschichte darf nicht vergessen werden.

Sofort setze ich mich an den Laptop und beginne zu schreiben. Eine kleine Geschichte über Marda. Mit d.

Autor: Diana Birk

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s