Begegnungen

Bin mit Tina im Kaufhaus Milaneo verabredet. Muss mich beeilen, die S-Bahn kommt in zehn Minuten. Ich packe meine Handtasche, nehme ein Buch mit und gehe los. Muss noch ein Ticket kaufen.

Am Ticketautomaten steht ein älterer Herr, etwa Mitte siebzig, der etwas verloren aussieht. S-Bahn kommt in drei Minuten. Laufe auf den Automaten zu. Als der Herr mich entdeckt, ist er sichtlich erleichtert. „Ha Grüß Gott! Saget se a mol: könnet Sie mir do vielleicht gschwend helfa? I ben doch scho z alt für so a technisches Zeig und sehe tu i au nemme so gud.“ Ich werde nervös. Die S-Bahn kommt in zwei Minuten und ich brauche selbst noch ein Ticket. Meine Erziehung verlangt, dass ich antworte: „Äh.. Ja… Natürlich kann ich Ihnen helfen.“

„I muss in die Stadt nei.“

„Wo genau möchten Sie denn hin? In die Nähe vom Bahnhof oder lieber zum Rotebühlplatz?“

„Ha, I muss halt zom Metzger. Mei Frau moint, in der Stadt hätts den oina, wo se moi lieblings Mauldascha hen.“

„Wie heißt dieser Metzger denn? Wissen Sie in etwa, wo er ist?“

„Ha des isch holt a Metzger do in dr langa Oikaufsstroß.“

„Und ist der Metzger am Ende der Straße beim Rotebühlplatz oder am anderen Ende in der Nähe vom Hauptbahnhof?“

„Abr zom Bahnhof will i gar net.“

Meine innere Unruhe wächst.

„Wissen Sie denn wie die Haltestelle heißt?“

„Wo fahret Sie denn na?“

„Ich muss an der Haltestelle Stadtbibliothek raus.“

„Ha ganged Sie a bissle lesa?“

„Nene, da gibt´s ein großes Einkaufszentrum und da muss ich einkaufen.“

„Ha die henn doch bestimmt au a guade Metzger, oder?“

„Nein leider gibt´s da keinen Metzger, sondern eher Klamottengeschäfte.“

„Ha mei Frau hat au viele Klamodda. I schempf emmer, dass se zu viel Geld ausgibt.“

Die Bahn kommt in einer Minute. „Also jetzt müssen wir ganz schnell ein Ticket kaufen, ich brauche für mich nämlich auch noch eins. Wir kaufen für sie jetzt mal ein Einzelticket für zwei Zonen, da können Sie überall in der Stadt aussteigen.“

„Ha des isch ja klasse! Wo i will? Subbr! Warted se a mol, i han hier mei Geldbeudl in dr Hosadasch. Do, nehmed Se des Geld oifach naus, des se brauchet.“

Klasse! Der hat nur Zehn- und Zwanzig-Cent Münzen im Geldbeutel. Ich sehe die Bahn schon kommen. Und ich habe immer noch kein Ticket.

Werfe eilig eine Münze nach der anderen in den Automaten, bis auf den Cent genau alles aufgebraucht ist. Das Ticket für den Herrn kommt raus, ich drück´s ihm samt seinem Geldbeutel wieder in die Hand und haue wie eine Irre sofort auf dem Bildschirm herum, um gleich mein Ticket kaufen zu können.

„Ha subbr, danksche gel? Sie sen no au neddes Mädle! Schöna Tag Ihna und kaufad se net so viela Klamodda gel?“

Beachte den alten Mann schon gar nicht mehr, will mein Ticket bezahlen. 2,80€. Werfe eine Münze nach der anderen ein. Nach 2,70€ ist mein Geldbeutel leer. Verdammt! Der alte Mann hat auch nix mehr, sonst ist keiner mehr am Bahnsteig und der Zug kommt immer näher.

Breche den Vorgang am Automaten ab, um mit der Karte zu zahlen. Braucht ewig, der Zug kommt immer näher. Gebe meine PIN ein, ziehe meine EC-Karte wieder raus, das Ticket wird gedruckt. Der Zug steht schon und die Türen gehen auf. Der Automat druckt immer noch. Ich kriege die Krise! Ziehe das Ticket raus, höre, wie sich die S-Bahntüren schließen. Renne zur Bahn, drücke wie wild auf den Türknopf. Geht nicht auf. Der alte Mann schaut mich durch´s Fenster an, und weil seine Erziehung das verlangt, drückt er auch auf seiner Seite der Bahntür einmal sanft auf den Türknopf. Die Bahn fährt los. Ohne mich, aber mit dem alten Mann. Schreibe Tina über Whatsapp: Sorry, komme ne halbe Stunde später. Bin Menschen begegnet.

Muss jetzt fünfzehn Minuten auf die nächste Bahn warten. Der gesamte Bahnsteig ist leer. Ich setze mich auf eine Bank, hole mein Buch aus der Tasche und lese. Nur einige Augenblicke später kommen zwei junge Mädels auf den Bahnsteig, beide etwa sechzehn Jahre alt. Eine hat schwarze lange Haare und ist in ihr Smartphone vertieft. Ihre Freundin ist blond und kaut auffällig schmatzend einen Kaugummi. Beide tragen äußerst tiefsitzende Jeans, dazu äußerst kurze Jacken, und sind stark geschminkt. Das Gesamtbild wird gekürt von ihren gigantischen Ohrringen. Sie unterhalten sich lautstark.

„Boah ey, isch schwör man! Dieses behinderte Handy regt misch so auf ey! Scheiß App hängt einfach voll! Boah Handy, chill ma dein Lifestyle man!“

Das blonde Mädchen ist mit einem anderen Thema beschäftigt und fragt ihre Freundin um Rat:

„Ey sammal, weisch eigentlich ab wann man so Tescht machen kann? Schon nach 3 Tagen geht oder?“

„Ja man, Tescht wegen Schwangerschaft kannsch immer machen, kein Problem!“

„Aber isch hab voll kein Geld für so n Tescht man! Aber weisch was? Isch geh einfach zu Drogerie Markt und klau so Tescht, weisch, und da sag isch einfach `Hey kann isch bei eusch ma auf´s Klo? Und dann piss isch da schnell drauf und wenn isch fertisch bin, stell isch Tescht einfach wieder ins Regal.“

„Ja so kannsch machen.“

„Boah ey, stell dir ma vor! Da kommt so Frau in Drogerie Markt und kauft so Tescht, weisch. Und dann macht die daheim Packung auf und denkt so: Boah fuck, isch bin schon schwanger, obwohl isch noch ga nisch draufgepisst hab! Krass oda?“

Ihre Unterhaltung wird von der gerade ankommenden S-Bahn unterbrochen.

Ich steige in die Bahn, suche mir einen Sitzplatz und widme mich wieder meinem Buch. Ein Mann, Ende zwanzig, wie ein Skater gekleidet, steigt ebenfalls ein, setzt sich mir gegenüber und sagt: „Hi“

„Äh Hi…“

„Du liest, hm?“

Wie hat er das bloß erkannt… „Ja…“

„Und was liest du?“

Ich zeige ihm das Buchcover.

„Du solltest was Besseres lesen. Ich habe einen Schriftsteller entdeckt, der wirklich genial ist. Heißt Paulo Coelho.“

„Ja, kenne ich. Der Alchemist und so…“

Er schaut mich verdutzt an. „Ah ok… ja das kenne ich jetzt nicht. Du siehst aber voll so aus, als würdest du Coelho lesen.“

Wie sieht man den voll so aus, als würde man Coelho lesen?! Schnell erkennt er, dass seine Literaturtipps mich nicht gerade umhauen, also schwenkt er um. „Dafür hab ich in Südamerika einen Schäferhund adoptiert. Der war vielleicht übel zugerichtet. Aber da will halt keiner 400€ Tierarztkosten für einen Hund zahlen. Der hat mir echt leid getan. Ich hab dann von meinem Geld die Operationen und Behandlungen gezahlt. Und die Kids im Waisenhaus, in dem ich eine Zeitlang gearbeitet habe, haben den Hund so lieb gewonnen, dass ich es einfach nicht über´s Herz gebracht habe ihn mitzunehmen. Hab ihn dann den Kindern geschenkt.“

„Ah… toll.“ Ich möchte einfach nur mein Buch lesen… Doch meine Erziehung klinkt sich auch hier wieder ein: Höflich bleiben. Aushalten.

„Ich meine, ich hätte ihn ja auch mit nach Deutschland nehmen können. Meine Eltern haben ein Haus, da hätten zwanzig Hunde Platz.“

„Wow….“. Mein sarkastischer Unterton lässt ihn erkennen, dass auch sein ausgeprägtes Helfersyndrom und das große Haus seiner Eltern mich nicht beeindrucken können, also geht er voll auf´s Ganze. „Bevor ich jetzt nach deiner Handynummer frage…. Wartet zuhause ein Mann auf dich?“

„Jap…“

„Ah ok… cool… ja also ich muss hier raus… ich arbeite in Bad Canstatt ehrenamtlich im Altenheim….“

„Ciao.“

„Ciao…“. Er steigt aus.

Ich möchte mich gerade wieder meinem Buch widmen, als ein Typ mit langen Haaren und Spiderman Pulli auf mich zu rennt, mir einen Zettel auf´s Knie klebt und in letzter Sekunde zur Tür rausspringt, bevor diese sich schließt und die Bahn weiterfährt. Auf dem Zettel steht: „Hi, Lust auf einen Drink mit mir? Liebe Grüße vom Konrad“, darunter seine Handynummer. Klebe Spiderman´s Zettel an die Fensterscheibe.

Packe mein Buch in die Tasche, bin keine zwei Sätze weit gekommen. Steige nach insgesamt zehn Minuten Fahrt am Hauptbahnhof aus, um die U-Bahn zum Milaneo zu nehmen. Laufe zum Bahnsteig die Treppen hinunter. Dort stehen schätzungsweise vierzig junge Menschen stark alkoholisiert in Dirndln und Lederhosen. Rufe meinen mentalen Kalender ab: April. Frühlingsfest auf dem Canstatter Wasen beginnt. Na toll. Stelle mich hinter eine Säule und nutze die Gelegenheit hier etwas zu lesen. Einer der Lederhosen entdeckt mich und schreit: „Hahaaaa schaut mal her, man! Die steht da und liest! So ein Opfer! Hahahaha!“. Die Aufmerksamkeit des gesamten Bahnsteiges gilt nun ausschließlich mir, was bei den stark alkoholisierten Menschen dazu führt, dass sich die Frauen aufgeregt über mein ungewöhnliches Hobby, Bücher zu lesen, unterhalten und die Männer über meine Brüste diskutieren. Ich möchte doch einfach nur mein Buch lesen…

U-Bahn kommt. Die besoffene Menschenmenge bleibt am Bahnsteig zurück. Halleluja. Ich muss mittlerweile dringend auf die Toilette. Der Anblick von dieser Menge Alkohol ist eindeutig zu viel für meine Blase. Nur noch eine Station bis zum Milaneo.

Steige nach einer Minute aus. Treffe Tina und mache ihr klar, dass ich erst mal durch das ganze Kaufhaus rennen muss, um die einzige Toilette im vierzigtausend Quadratmeter großen Milaneo zu erreichen.

Vor den Damentoiletten steht eine hundert Meter lange Schlange. Tina und ich tauschen einen Blick aus, nicken uns zu und rennen auf die Männertoilette. Tina öffnet vorsichtig die Tür…

Fortsetzung folgt.

Autor: Diana Birk

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