Curatio

Grauer Himmel. Leichter Regen. Milder Winter. Trübe Landschaft, die an ihr vorbeihuscht, während sie nachdenklich aus dem Zugfenster schaut. Eine junge Frau, schön wie man Schönheit eben nur beschreiben kann. Schick, elegant. Jede ihrer Posen schwer zu übersehen, nahezu verleitend diesen Moment festzuhalten und nie mehr loszulassen. Und doch lässt sie los. In jenem Moment, als der Mann neben ihr und der Mann ihr gegenüber plötzlich aufstehen, und mit ihrer Rechten in ihre Innentasche greifen, zuckt sie schreckhaft zusammen. Zwei Männer, fast so breit, wie sie groß sind. Auf den ersten Blick schwer zu unterscheiden: Glatze, Anzug. Die Frau versucht nervös zwischen den beiden Männern hindurchzusehen, sich Überblick zu verschaffen, hört aber nur: „Verzeihung, ich kenne diese Frau. Bitte.“
„Gehen Sie.“
„Weiterlaufen.“
„So hören Sie… nur auf ein Wort. Matti?“ ruft diese fremde Stimme.
Die Frau erschrickt. Sie steht auf. Trotzdessen sie nur sanft und kaum spürbar die Schulter einer dieser Bodyguards berührt, geht er sofort zur Seite. Sie sieht den Fremden an. Ein schlanker, athletisch gebauter, und sehr gut angezogener, attraktiver Mann. Er lächelt sie an: „Matti, ich bin es: Benny.“ Sie sieht ihn weiterhin skeptisch an.
„Benny, komm schon“, sagt er, „achte und neunte Klasse in der Realschule. Du und ich, Frau Büttner war unsere Klassenlehrerin, später Herr Eisinger. Na?“
„Oh mein Gott, Benny?“ sie lächelt, der Blick bleibt jedoch nach wie vor skeptisch. Sie mustert ihn von oben bis unten. „Wow. Wie geht’s dir so?“ fragt sie.
„Och, Mezzo-Mezzo. Schön dich zu sehen. Im Ernst.“, antwortet er.
„Allerding. Das ist ja eine Ewigkeit her. Zwanzig Jahre?“, fragt sie.
„Fünfzehn, wenn nicht sogar siebzehn? Keine Ahnung. Lange auf jeden Fall. Aber dich sehe ich ja immer wieder. Hier im Fernsehen, dort im Fernsehen. Wahnsinn. Ich sitz da mit meinen Jungs auf der Couch, sag denen so: ‚Hey Jungs, seht ihr diese Frau? Die kenn ich.‘ Und die so: ‚Mach kein Scheiß, Alter.‘ Und ich sag: ‚Ich schwör’s euch und sie hat sogar mal mit mir gesprochen.‘ ‚Jetzt komm mal wieder runter, Mann.‘“ Er imitiert die Stimmen auf eine Weise, die die Frau zum Lachen bringt.
„Wo geht’s bei dir jetzt hin?“, fragt er.
„Interviews, Talkshows und sowas eben. Das Übliche.“ Sie zuckt lächelnd mit den Schultern.
„Hey, ich steige in Köln aus, sag mal, bist du gerade voll im Vorbereitungsrausch? Andernfalls… ich…ähm… mag ich dich nicht weiter belästigen.“
„Aber nein, setz dich. Bitte. Nimm Platz.“ Sie nickt den beiden Bodyguards zu, welche daraufhin einige Sitzplätze weiter weg von ihr Platz nehmen. Benny nimmt ihr gegenüber Platz und sagt lächelnd: „Grundgütiger, du bist ja noch schöner als ich dich in Erinnerung hatte.“ Ehe sie darauf reagieren kann, wirft er hastig ein: „Erzähl.“
„Ähm? Was?“
„Alles“, antwortet er heiter, „ich will alles wissen. Oder sollte ich nicht? Image und sowas?“
„Nein“, antwortet sie lächelnd. „Da gibt es nichts, was du nicht schon weißt. Ich bin verheiratet, leider keine Kinder. Naja, was heißt leider. Vorerst mal keine, sagen wir so. Das Ganze, so wie es jetzt ist, nimmt mir schon genug Luft. Erzähl du lieber mal. Von dir weiß ich überhaupt nichts.“
„Ach“, er winkt ab, „von mir gibt es nichts Großes zu berichten. Ich führe das typische Bilderbuchleben eines Langweilers. Selbstständig im Import-Export-Gewerbe und in der Abfallbranche. Eine Frau, einen kleinen Sohn, die ich leider kaum sehe, weil ich um die Welt reise und Aufträge für Leute ausführe, die mehr Geld haben als jeder Andere auf dieser Welt, damit sie noch viel mehr Geld haben und irgendwann darin schwimmen können wie Onkel Dagobert.“
„Na Hauptsache ist, du bist glücklich“, sagt sie lächelnd.
„Darüber hab ich noch nie groß nachgedacht. Bin zu abgelenkt. Bist du es? Glücklich meine ich. Ich denke, wenn wir beide glücklich wären, würden wir diese Jobs hier nicht machen. Glück ist Stillstand. Wenn du glücklich bist, dann strebst du nicht nach Höherem. Denn letzten Endes musst du versuchen, das zu bekommen, was du liebst. Andernfalls bist du gezwungen, das zu lieben, was du hast.“ Er zwinkert ihr zu.
„Aber was, wenn das Streben nach Höherem mich glücklich macht?“
Benny runzelt die Stirn: „Das klingt interessant. So hab ich das noch gar nicht gesehen. Ist dir klar, dass du mir gerade dabei hilfst, meine Bosse besser nachzuvollziehen? Damit nimmst du mir eine Last. Du hast mich gerettet. Du Heldin.“
„Nicht bewusst“, sagt sie lächelnd.
„Das sind mir die liebsten Helden. Unbewusst, unbeabsichtigt. Bewusste Helden wollen nur Anerkennung, ihr Ego füttern.“
„Weil es ein schönes Gefühl ist, als Gewinner einem Verlierer zu helfen“, antwortet sie.
„Exakt. Fast überall, wo ich bin, ist dein Name anzutreffen. Matilda Maier hier, Matilda Maier dort. Krankenhaus hier, Kinderheim dort. Nennen sie dich deshalb Mama? Weil du wie Mutter Theresa um die Welt fährst und alles und jedem hilfst?“
„Nein. Das ist nur eine Abkürzung für Matilda Maier.“
„Im wahrsten Sinne, ich bin beeindruckt. Im Ernst. Wir hatten in der Schule kaum ein Wort miteinander gewechselt. Ich hab eigentlich mit niemandem damals so wirklich ein Wort gewechselt. Aber insgeheim hatte ich gehofft, ich werde eines Tages die Sterne vom Himmel holen. Und jeder, der das Jahre später in der Glotze sieht, wird sagen, den kenne ich. Aber [seufzend]…ein Kindheitstraum, nichts weiter.“, winkt er hastig ab.
„Bodyguards?“ Benny deutet mit seinem Kopf zur Seite. „Du?“
„Ach weißt du,“ seufzt sie. „Ich bin auch der Meinung, dass das völlig unnötig ist. Aber hier und da kommt mal eine Morddrohung durch, dumme Anrufe und sowas. Und mein Manager und ein paar Andere sind da jetzt unbedingt der Ansicht, ich bräuchte das.“
„Man kann eben Hass durch schlechte aber auch durch gute Taten auf sich ziehen, was? Aber hey, falls es dich tröstet: Das Leben mag zwar ungerecht sein. Aber nicht immer zu deinen Ungunsten.“
Sie nickt. Eine langanhaltende Stille durchleuchtet die Beiden.

„Ich finde es interessant zu sehen, wie du dich entwickelt hast.“, sagt sie schließlich zu Benny.
„Es war im wahrsten Sinne auch interessant. Kurvenreich, haarsträubend.“
„Du warst nach der neunten Klasse plötzlich verschwunden. Und weg warst du.“
„Du weißt das noch?“, fragt er.
„Na klar.“
„Ich hatte nie gedacht, dass ich überhaupt als Statist Platz in deinem Leben finde, offen gesagt. Und zu Recht. Ich meine, ich war ein gammliger, pickliger Zocker mit Untergewicht.“
Kurzes Schweigen.
„Ich war…“, fährt er fort. „Ich war… ach nicht so wichtig. Wobei? Ach scheiß drauf. Ich war bei Psychologen, ich hatte einen Unfall. Lag flach, stationär. Auf Details mag ich da nicht eingehen. Es ist ein Drecksloch dort. Als ich rauskam, bin ich dann in die Bundeswehr, hatte mich auch verpflichten lassen. Wurde befördert. Verfrachtet. Erst nach USA. War bei der Navy. Wieder befördert. Wieder verfrachtet. Dann Israel. Irak, Iran und so weiter. Bin nachhause gekommen, hab versucht meinen Abschluss nachzuholen. Abgebrochen. Mich selbstständig gemacht und hier sitze ich: Live und in Farbe.“
„Wow. Ich bin sicher, die Geschichte ist bei weitem interessanter, als du sie gerade wiedergibst.“
„Ist sie auch. Aber ich muss gleich aussteigen und ich hasse es, Geschichten abzubrechen. Ich liebe es, sie zu erzählen, aber ich hasse es, sie abzubrechen.“ Benny steht auf, streicht über seine Kravatte.
„Es hat mich wirklich sehr gefreut, Matilda“, sagt er.
„Ja, mich auch.“ Sie streckt ihm die Hand entgegen.
„Weißt du, eigentlich wundert es mich überhaupt nicht, dass du dich an mich erinnerst. Du bist ein guter Mensch, im Ernst. Du weißt es, ich weiß es. Aber du hast Mist gebaut. Du hast mir damals sehr weh getan. Und wie im Schach, bleibt kein Zug ohne Folgen.“ Beide sehen einander ernst an.
„Ich war –wie alt?- vierzehn? Fünfzehn? Ich war noch ein Kind“, sagt er.
„Ich auch“, antwortet sie ausdruckslos.
„Ist schon gut. Ich meine, bitte entschuldige, ich komme daher und ich… ich freue mich wirklich, dich zu sehen. Ich bin sogar erleichtert. Das Ganze, wie es passiert war, wirkt jetzt, wo ich dich so sehe, so lachhaft. Weißt du, was ich meine?“
Sie sieht Benny schmunzelnd an.
„Okay, jetzt muss ich aber gleich raus. Lass dich drücken“, sagt Benny. „Dann kann ich beim nächsten Fussballspiel den Jungs erzählen: ‚Sie hat mich sogar mal umarmt, ihr Loser.‘ Die werden alle an einem Asthmaanfall zusammenbrechen.“
Sie steht lachend auf und umarmt Benny. Während sie sich umarmen, sagt er: „Ich muss dir was gestehen, Mama. Ich bin gar nicht Benny.“ Zwei zischende Geräusche sind zu hören. Matilda ganzer Körper spannt sich an. Sie hält an Benny fest, als würde sie gleich einen Abgrund hinabstürzen.
„Psh. Ganz ruhig,“ flüstert er ihr zu. „Ganz ruhig. Setz dich. Ganz langsam. So ist gut. Ganz genau so. Drück dir die Hände da drauf,“ er nimmt ihre Hände und drückt sie gegen ihren Bauch. „Bleib so. So ist gut. Atmen. Tief ein- und ausatmen. So ist es gut. Sehr gut. Ja genau. Atmen. Nicht sprechen. Das macht es nur schlimmer. Hör mir jetzt kurz zu. Hörst du zu?“ Matildas Gesicht verliert an Farbe. Sie sieht ihn an, als müsse sie sich gleich übergeben. Der Mann, der vorgab Benny zu sein, steckt seine schallgedämpfte Pistole wieder ein.
„Da gibt es jemanden, der sehr, sehr sauer auf dich ist. Es ist offensichtlich, wer. Du weißt das, ich weiß das und sogar die Krähen, die draußen den Zug vollkacken, wissen das. Wobei, ich glaube, du weißt es nicht. Du hast genauso gespielt wie ich, gib’s zu“, sagt er lächelnd. Schlagartig wird er wieder ernst: „Ich kenne Eure Vorgeschichte nicht. Interessiert mich auch nicht. Die Frage ist, kennst du sie? Denn alles“ er unterbricht das Gespräch mit einem kurzen Lacher, räuspert sich aber dann kurz: „Entschuldige. Was ich sagen wollte ist, dass alles, was ich dir erzählt hatte, nur ein Ausschnitt aus meinem Leben war und du hast es nicht einmal gemerkt.“ Er beugt sich nach vorne zu ihr: „Du hast da zwei Kugeln drin stecken. Lass deine Hände vom Bauch und du bist in weniger als fünf Minuten weg. Lass sie drauf und du schaffst es vielleicht noch zwanzig Minuten, vielleicht mehr. Ist aber nicht wichtig: Sterben wirst du so oder so.“
Matilda sieht den Mann weiterhin an, angespannt, ausdruckslos, bis auf die Tränen, die die an den Wangen herunter rinnen, wie ein Stück Butter auf einer heißen Bratpfanne. Der Mann steht auf, richtet seine Krawatte, beugt sich nochmal zu ihr runter und sagt: „Und hier noch eine Lektion für’s nächste Leben: Wenn du auf die Menschen herabsiehst, wird es dir sehr schwer fallen, ihre Gesichter zu erkennen.“ Der Mann verlässt das Zugabteil.

Matilda schließt ihre Augen. Eine Erkenntnis durchströmt ihr Inneres. Die Erkenntnis dessen, dass sie ihre Augen nie wieder öffnen wird. Die Erkenntnis dessen, dass ihr niemand helfen kann und sie keinerlei Kraft mehr in sich hat, um nach Hilfe zu rufen, geschweige denn, sich überhaupt zu bewegen. Die Erkenntnis dessen, dass es zu Ende ist und sie trotz dieser Einsicht nicht in der Lage ist, ihr Leben Revue passieren zu lassen. Erinnerungen kommen. Aber nicht die Erinnerung an die Wendepunkte ihres Lebens, an die sie sich gerne erinnert. Sondern an Wendepunkte, die sie dazu veranlasst haben, von zuhause wegzurennen, weil ihr Stiefvater zu jener Sorte gehörte, der gerne bei denen ins Bett steigt, wo er nicht erwünscht ist, und ihre Mutter gerne in jenen Situationen wegsieht, wo Hinsehen angebracht ist. Wendepunkte, die sie dazu verleitet haben, all das, was sie zuvor zuhause durchmachen musste, was sie in ihrem Alltag außerhalb zu unterdrücken hatte, es verstecken musste, und sich als die Frau preisgegeben hatte, bei der alles rund läuft. Ein Frau, die in der Gesellschaft als Gewinner anerkannt wird. Eine Gewinnerin, bestehend aus Schönheit, vielen Freunden, sportlichen Auszeichnungen und hervorragenden schulischen Leistungen. Eine Gewinnerin, die über Dinge wie den Selbstmord ihres Bruders und der Überdosis ihrer Tante, bei der sie leben musste, mit der Zeit hinweg sehen konnte. Eine Gewinnerin hat keine Schwachstellen und falls doch, so vergisst sie diese. Vergessen ist wichtig. Vergessen ist das Geheimnis. Vergessen verschafft dir ewige Jugend, Vitalität, und den Blick für das Wesentliche. Erinnerungen machen alt, brechen dich und letzten Endes töten sie dich.

All das durchströmt ihr Inneres mit rasender Geschwindigkeit. Und obwohl es sie so rasend schnell durchströmt, ist für sie alles nachvollziehbar. Nachvollziehen kann sie nur nicht, weshalb ihr nicht die Dinge nochmal Revue vorgeführt werden, an die sie sich gern erinnert. Die sie selbst geschaffen hat. In die sie so viel Zeit, Liebe und Seele investiert hatte, damit diese Früchte tragen, Geschichte schreiben und die Welt verändern. All diese Dinge finden keinen Platz in ihrem Innern, sodass ihr Inneres zu erkennen glaubt, dass sie nicht einzigartig ist. Dass nichts an ihr original ist. Dass sie nur eine Ansammlung jeglicher Anstrengung ist, die jeder an ihr durchgeführt hat.

Einzig, was ihr vor Augen geführt wird, ist die Erinnerung an Benny. Ein Junge, der in der Schule so hässlich gewesen war, wie sie schön. Ein Junge, von dem niemand etwas wissen wollte, außer um ihm wehzutun. Ein Junge, der trotz all dem Leid, welches er durchleben musste, den Anschein erweckt hatte, er sei ein höheres Wesen. Ein höheres Wesen insofern, dass er unter all den schwerwiegenden Umständen, die ihm auferlegt wurden, nie emotional wurde. Dass er nie den Eindruck erweckte, er sei nachtragend, dass er niemals irgendwen verurteilte. Und so überkam ihn eines Tages dieser Augenblick, in dem das Fass überzulaufen schien. Ein Augenblick, begleitet von Sonne, Hitze, Meer und Strand. Ein Augenblick, den er vielleicht nicht, jedoch seine ganze Schulklasse genoss. Er selbst jedoch, lag da, weit weg von allen, am Strand, dürr, hässlich, versteckt. Und in diesem Augenblick, der ihm wie jeder andere schien, kam sie auf ihn zu: Die schöne junge Matilda Maier. Ein Mädchen, dass lächelnd auf ihn zu kam, und er sich nur dachte, jemandem hinter ihm galt dieses Lächeln. Ein Mädchen, welches sich zu ihm gesetzt hatte und ihn mit einem netten „Hi“ überrumpelte. Ein Mädchen, welches Interesse zeigte, für die Comics, die er gerade liest. Für die Gründe, weswegen er soweit außerhalb saß und für die Filme, die er gern schaute. So viele Gemeinsamkeiten, glaubte er, hätten die beiden gehabt. Und doch lag es zum einen daran, dass er die Uneinigkeiten ausgeblendet hatte – einfach deswegen, weil er verliebt in sie war. Verliebt seit langem. Seit er sie kannte, seit er sie das erste Mal sah und genau jetzt in diesem Moment, in dem sie bei ihm war und mit ihm sprach, schien es ihm, als würde ihn dieses Gefühl zum Wahnsinn treiben.

Sie lockte ihn weg vom Strand, weg von den Anderen, weg von den Leuten. Sie standen hinter der Toilette und zum Ersten und vermutlich auch zum letzten Mal wurde er geküsst. Er konnte seine Tränen vom Schweiß kaum unterscheiden und ehe er verarbeiten konnte, was da gerade vor sich ging, zog sie ihm die Hose runter und legte Hand an. Er zuckte zusammen, es ging ihm zu schnell. Und doch, in diesem Moment, als er sich entschied, es über sich ergehen zu lassen, kam es ihm vor, als sei die Zeit angehalten. Für den ersten Moment schien es, es läge daran. Doch viel eher lag es daran, dass er realisieren musste, dass sich sämtliche Klassenkameraden um die beiden versammelt hatten und lachten. Es war schwer zu erkennen, weswegen sie alle so lachten. Ob es wegen ihm war, der so gedemütigt wurde und in letzter Sekunde all die Leute sein stotterndes „Ich liebe dich“ zu hören bekamen. Oder wegen ihr, Matilda, dem Mädchen, welches eine Wette verloren hatte und all das auf sich nahm, um ihrem Image gerecht zu werden. Oder auch nur deswegen, weil sie auf das Stichwort „Ich liebe dich“ angewidert, weinend weggerannt war.

Wie der Killer schon sagte: „Das Leben ist nicht fair, aber nicht immer zu deinen Ungunsten.“ Matilda öffnet die Augen, kann jedoch kaum etwas erkennen. Sie öffnet ihre Handflächen und schläft ein.

Rache, die gerechtfertigt ist? Werden wir nie erfahren. Sollte der Leser doch den Drang haben, dem Auftraggeber gegenüber Sympathie zu empfinden, so muss er sich in ihn hineinversetzen. An sich nämlich ist diese Form von Rache übertrieben. Ist sie das? Wir wissen nicht, wie das Leben Bennys nach diesem Vorfall verlaufen war. Wir wissen nicht, dass er hinterher monatelang nicht mehr ansprechbar war, in Therapie saß und für viele Jahre jeden Draht zur Außenwelt verloren hatte. Wir wissen auch nicht, dass Bennys Form von Rache zu Anfang darin bestand, besser zu werden als all die, die ihm weh getan hatten. Und doch hatten es ihm die Umstände nicht erlaubt. Diese Liebe, so kurz und so intensiv wie er sie durchgemacht hatte, assoziierte er von da an mit Schmerz und Pein. Niemals wieder war Benny in der Lage eine Frau jemals wieder so zu lieben, wie er sie geliebt hatte – im Grunde wird er überhaupt nicht mehr dazu fähig sein, zu lieben. Und unter all diesen Umständen wurde ihm das jahrelang vorgehalten. Die ersten Jahre durch das Trauma, das er zu überwinden hatte. Und als er glaubte, er hätte es überwunden und das hätte er sicher auch, sah er sie wieder. Er sah sie jeden Tag, mehrmals am Tag, egal wo er war. Im Fernsehen, auf Plakaten, im Internet. Tagein, tagaus. Sie war überall. Und überall wo sie war, sah er all seine Kameraden vor Augen, die ihn ausgelacht hatten, ihm Schmerzen zugeführt hatten, ihn erniedrigt hatten, ihm im Grunde in jeder möglichen Sprache zu verstehen gaben: „Du bist nichts wert.“ Unter all dieser Last, unter der Benny begraben war, schien nach all der Therapie, den Medikamenten, den Drogen und den penetranten Werbespots die einzige Lösung für ihn darin zu bestehen, Matilda Maier aus den Medien zu verbannen. Ein letztes Mal, ein einziges Mal dürfe sie noch PR bekommen. Aber das in einer Form, die Benny womöglich zur Heilung verhilft.

Autor: Nikita Miller

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s