Esho Splju

Cole betritt die Küche, sieht Nucky Gemüse schneiden.
Cole: Was machst du da?
Nucky: Futter.
Cole: Futter?
Nucky: Ja, Futter. Für dich, für mich, für uns. Futter eben. Mittagessen. Capisce ?
Cole: Und Merve? [Anm.:das Hausmädchen]
Nucky: Merve hat heute frei.
Cole: Mh. Und was „futtern“ wir?
Nucky: Reispfanne. Ein Haufen Zeugs auf der Bratpfanne übereinander gestapelt und mit Reis durchgebraten. Schmeckt hammermäßig.
Cole: …
Nucky: (schneidet weiter)
Cole: Ich hab die letzte Zeit darüber nachgedacht, was du gesagt hattest
Nucky: Cool.
Cole: … dass die Tätigkeit, mit der ich als Millionär meine Freizeit verbringen würde, das ist, wofür ich berufen sei.
Nucky: Hab ich das so gesagt?
Cole: Ja… ähm… du sagtest, dass das, was ich…
Nucky: Achso, ja. Ok. Na wenn ich das gesagt habe, wird’s wohl auch so sein. (zuckt die Schultern und lächelt)
Cole: Naja und… ich hab viel nachgedacht und ich glaube, ich werde…
Nucky: Pokemontrainer.
Cole: (lächelt falsch) Ich will schreiben.
Nucky: Schreiben… (nachdenklich)… worüber?
Cole: Na über mich und…
Nucky: Du willst über dich schreiben?
Cole: Meine Erkenntnisse und…
Nucky: (Augenbraue hoch)
Cole: Mein Leben.
Nucky: Du willst über dich, dein Leben und deine Erkenntnisse schreiben?
Cole: Naja, das klingt jetzt…
Nucky: Das klingt nach einer Zeitschrift und nicht nach einem Buch.
Cole: …
Nucky: Das klingt ziemlich naiv, Cole. Ist dir diese Idee vorhin auf der Toilette gekommen?
Cole: Ich hatte früher schon geschrieben und… ich denke, ich hab das Zeug dazu.
Nucky: Aber was hast du vorzuweisen?
Cole: Was?
Nucky: Was hast du vorzuweisen? Worüber willst du schreiben?
Cole: Na über-
Nucky: Ja, dein Leben. Ich kenne dein Leben. Ich kenne dich. Und weder das eine noch das andere würde mich dazu verleiten darüber lesen zu wollen. Und wenn du das noch mit deinen Erkenntnissen ausschmückst…. Oh Gott (lacht und schüttelt den Kopf)
Cole: Du verstehst nicht ganz.
Nucky: Cole, du führst ein Leben, das… na wie kann ich es ausdrücken?… Leid erschafft die Kunst, verstehst du? Die größten Musiker, Künstler, Schriftsteller haben das größte Leid hinter sich. Du hingegen, du kommst aus einer Bilderbuchfamilie. Worüber willst du schreiben? Das deine Mami und dein Papi sich drei Mal trennen wollten, es aber nicht fertig gebracht haben? Dass dein Papa dich ständig niedergemacht hat? Dass Mama dir zu viel Liebe in der Kindheit geschenkt hat oder dass du von zuhause ausgezogen bist, weil du es mit deinem Vater nicht mehr ausgehalten hast? Über das alles willst du ein Buch schreiben? Wahnsinnsstory, Cole.
Cole: Nicht nur. Ich meine,… Neulich habe ich die Gedanken zweier Teenager in der Disko auf zehn Seiten runter geschrieben und die Leute waren beeindruckt.
Nucky: Wer war beeindruckt?
Cole: Paar Kumpels.
Nucky: Paar Kumpels. Aha.
Cole: Willst du es lesen?
Nucky: Nein, danke.
Cole: Im Ernst. Les es.
Nucky: Ok, angenommen du hast so ein derart brutales Talent zum Schreiben, dass du einfache Themen in labyrinthhafte Gedankenstrukturgänge widergeben kannst. Komplex, tiefsinnig, fesselnd und so weiter. All das. Angenommen du kannst auf fünf Seiten widergeben, weshalb du Erdbeer- statt Himbeermarmelade gegessen hast und das auf eine derart krasse Art und Weise und-
Cole: Ok, ok. Komm zum Punkt.
Nucky: Also angenommen, das alles geschieht, ja? So wirst du vielleicht Material für nicht mehr als ein, maximal zwei Bücher haben. Das Talent eines guten Autors ist Zuhören, verstehst du? Die, die das nicht können, naja das hast du wahrscheinlich selbst schon zu lesen bekommen: „Dann sagte er, dann sagte sie, dann zuckte er die Achseln“. Total oberflächlich. Die Figuren sind tot. Weißt du, was ich meine? Das Leben ist zu kurz, um es auf mehrere Bänder fassen zu können. Du musst deine Ideen von außen beziehen.
Cole: Und du meinst, ich kann nicht zuhören?
Nucky: Teilweise. Im Eigentlichen wartest du nur darauf, bis du endlich dran bist mit Reden.
Cole: Aber das tut doch so gut wie jeder.
Nucky: Aber nicht jeder will Autor werden.
Cole: Erwecke ich einen solchen Eindruck bei dir? … dass ich nur aus Höflichkeit zuhöre?
Nucky: Nein, bei mir nicht. In meiner Gegenwart hausierst du mit der Einstellung, dass du mehr Vorteile davon hast, mir zuzuhören, als selbst zu reden.
Cole: Aber das ist auch so.
Nucky: Ja, aber… (seufz) Ich verstehe, dass du das bei mir machst, weil dir meine Meinung wichtig ist. Du beziehst Informationen von mir und bist der Meinung, dass kaum einer in der Lage ist, dir dasselbe oder gar ähnliches zu geben. Und damit liegst du falsch.
Cole: Ach komm. Wir leben in einem Land voll von materiellem Überfluss. Der Volkssport hier ist Jammern. Die Leute hier sind doch alle-
Nucky: Tja Cole, was soll ich sagen?(Wird lauter) Alles Idioten außer dir, nicht wahr? Du bist klasse, makellos. Danke, dass es dich gibt.
Cole: Ich meinte nur, dass die meisten Menschen-
Nucky: Da! Siehst du? „Die meisten Menschen“. Kennst du die meisten Menschen? Welche Rechtfertigung erlaubt es dir, so zu urteilen? Wie viele Menschen hast du je in deinem Leben kennen gelernt? Wenn du wüsstest, wie viele krasse Geschichten allein hier in dieser Nachbarschaft versteckt sind. Jeder, wirklich jeder, hat eine einzigartige Geschichte hinter sich. Jeder Statist deines Lebens spielt die Hauptrolle seines Lebens.
Menschen sterben jeden Tag, führen Kriege, opfern sich für andere auf. Identitäten werden angenommen und gewechselt. Beziehungen werden geknüpft und aufgegeben. Menschen kämpfen, gewinnen, versagen, lieben, hassen. Die Welt ist voll von Geschichten, Abenteuern und interessanten Leuten, die nur darauf warten ihre Geschichte erzählen zu dürfen. Das Leben ist ein nicht zu erfassendes Konstrukt, in dem jeder freie Hand hat und etwas Einmaliges davon widergeben kann. Du aber willst nichts davon wissen. Die Menschen jammern ja nur. Ihnen allen geht es doch so gut, nur dir nicht. Immerhin studierst du etwas, was dir keinen Spaß macht und lebst bei mir, mietfrei, weil du die Kritiken deines Papis nicht mehr ertragen kannst. Wahnsinnsgeschichte, Cole. Schreib sie auf, so schnell du kannst. Länger kann die Welt auf diese Revolution nicht mehr warten.
Cole: …
Nucky: Wir alle haben eine Meinung von uns. Jeder. Jedoch haben die mit der geringsten Ursache die größte Meinung von sich. Du magst es nicht zuzuhören. Du willst selbst quatschen. Deswegen lernst du auch nur blöde Miezen kennen.
Cole: Was? (fragender Blick)
Nucky: Ist doch klar. Wir alle wollen von uns erzählen. Und wir interessieren uns meistens für Menschen, die sich für uns interessieren. DU aber interessierst dich für niemanden. Nur für dich. Du magst es dich zu präsentieren, dich zu schmücken und daher lernst du nur Frauen kennen, die sich sowas von dir gefallen lassen. Und warum lassen die sich das gefallen? Weil sie selbst nichts zu sagen haben. Sie sind langweilig. Sie haben nichts vorzuweisen. Du eigentlich auch nicht, aber du hast das Talent es auszuschmücken. Eine Frau mit hoher Selbstachtung wird nicht mal in deine Nähe kommen. Ehe sie weiß, wer du bist, wird sie es spüren und sich somit von dir fernhalten.
Cole: (nachdenklich)
Nucky: Du bist langweilig, Cole. Ergo? Du siehst ja selbst.
Cole: Als sei das bei dir viel anders. Du magst es doch auch von dir zu qu-
Nucky: Na klar, wer denn nicht? Bei mir ist es aber eher ausgeglichen. Sie erzählt, ich ergänze und umgekehrt. Monologe kann ich auch zuhause vorm Spiegel führen. Um es zusammen zu fassen: Du suchst nach einem Partner, der deinen Narzissmus füttert, der dich bewundert. Klar, innerlich wünschst du dir jemand ganz anderes, aber du ziehst immer das an, was dir zusteht. Von daher…
Stille, Nucky haut alles in die Pfanne und brät, gießt Wein dazu und streut Gewürze.
Nucky: Das Geheimnis sind der Wein und die türkischen Gewürze. Warte nur. Das wird dich umhauen.
Cole: Kann ich dir irgendwie zur Hand gehen?
Nucky: Nein. (schneidet nebenbei noch Gemüse)
Cole rührt in der Pfanne. Nucky nimmt ihm den Pfannenwender weg.
Nucky: Geh weg. Ksch! Ich brauch keine Hilfe.
Cole: …
Nucky: Wie sind die Pläne für Weihnachten?
Cole: Wahrscheinlich geht’s nach Heidelberg. Familienratsversammlung.
Nucky: Du, Papa, Tanten, Onkels,-
Cole: Genau und Oma. Gar keinen Bock drauf.
Nucky: Jeder bekommt, was ihm zusteht. (schneidet wieder Gemüse. Cole kommt vor und rührt wieder in der Pfanne)
Nucky: Hey! Weg! Cole, du kannst das nicht. Lass das.
Cole: Ich komm mir blöd vor, wenn ich einfach nur hier rumstehe.
Nucky: Das Umrühren wird dich nicht intelligenter machen. Im Ernst, lass es. Du bist mir in der Küche so nützlich wie ein zweites Arschloch auf meinem Ellenbogen. Geh Fernsehen oder sowas.
Cole: Ich glaube, ich bleibe über Weihnachten hier.
Nucky: Oh nein, tust du nicht.
Cole: Vielleicht gehe ich auch wohin, mal sehen.
Nucky: Nein. Du gehst aus an Weihnachten.
Cole: Ja, vielleicht mache ich das auch.
Nucky: Nein, “vielleicht” würde bedeuten, dass du eine Wahl hättest.
Cole: Ich hab keinen Bock auf meine Familie.
Nucky: Ist mir egal. Hier bleibst du über Weihnachten nicht.
Cole: Was? Wieso nicht?
Nucky: Weil über die Weihnachtstage eine rattenscharfe Mietze zu mir kommt, deswegen.
Cole: Ja und?
Nucky: Ja und? Wir werden vielleicht nackt durchs Haus rennen wollen und… ach das muss ich dir jetzt alles nicht erzählen. Fakt ist, du bist Weihnachten nicht hier. Ich mein‘s ernst.
Cole: Ach komm! Weißt du, was mir Weihnachten bevorsteht? Ich kann da auf keinen Fall wieder hin!
Nucky: Oh Gott. Du solltest dich mal reden hören. Du jammerst daher als erwarte dich eine Hinrichtung. Du Waschlappen. Degradierst und urteilst über Menschen, aber…. (seufz).
Cole: Ich sehe es schon vor mir. Ich sitze da, mittendrin unter den ganzen Snobs und dann fängt es wieder an: „Und? Hast du schon eine Freundin? Wie läuft denn das Studium? Wie sind deine Zukunftspläne? Du solltest ein Auslandssemester machen… Doch, du musst… Nein, hör auf mich… Das musst du machen.“
Nucky: Oh mein Gott, wie schrecklich. Du solltest ein Buch darüber schreiben. Schnell, beeil dich, bevor du aufhörst zu leiden.
Cole: Und dann zoffen die sich wieder alle untereinander und…. Hey, es ist die Hölle.
Nucky: Letzten Endes ist es eine Situation und kein Problem. Das bedeutet, dass du nichts dagegen tun kannst. Folglich liegt es an dir, wie du damit umgehst. Betrachte es als Bühnenstück. Du bist der Zuschauer. Du aber lässt dich immer wieder dazu verführen, selbst in dem Stück mit zu spielen.
Cole: Weil sie mich ständig mit reinziehen mit ihren bescheuerten Fragen und-
Nucky: Cole, du bist ein Feigling höchsten Grades. Du flüchtest und meidest sämtliche Konfliktgespräche, die meiner Meinung nach nicht mal Konfliktgespräche sind. Selbst im Auge deiner Gesprächspartner sind es keine. Nur für dich. Und so flüchtest du von Gespräch zu Gespräch und drückst dich vor deiner eigenen Entwicklung. (lacht) Das interessante dabei ist: Du bist Boxer. Sogar ein sehr guter. Du steigst in den Ring und boxt gegen die Weltbesten. Du hast Angst vor Gesprächen, aber keine vor Gewalt. (lacht)
Cole: Ja, aber diese Heucheleien. Da ist kein Fundament dahinter. Weißt du, was ich meine?
Nucky: Nein.
Cole: Na… ich meine… Leute kommen zu dir und fragen, wie es dir geht, obwohl es sie nicht interessiert. Und du lügst und sagst, es geht dir gut. Denn wenn du „schlecht“ sagst, dann öffnest du eine negative Sphäre und in die willst du sie nicht hineinlassen und sie selbst wollen da auch nicht hinein. Also lügst du und sagst, dass es dir gut geht. Und aus Höflichkeit, aber Desinteresse fragst du zurück, wie es ihnen geht. Und sie machen das genauso und… das ist doch traurig.
Nucky: Das sind eben unsere Methoden um eine Brücke zueinander aufzubauen. Hunde schnüffeln gegenseitig an ihren Ärschen und wir heucheln einander. Na und?
Cole: Ja, aber begreifst du denn nicht, dass-
Nucky: Man, Cole (seufz), du hinterfragst echt jeden Scheiß. Verfall doch nicht in so tiefe menschenhassende Denkprozesse, sonst endest du noch als Eremit. Du siehst die Dinge wie immer nur schwarz oder weiß. Du hast dieses Ritual aufs gründlichste studiert. Toll. Gut gemacht. Und was machst du daraus? Du verfällst in Misanthropie. Sehr produktiv. Statt solche Dinge zu hinterfragen, solltest du dir eher Gedanken darüber machen, wie du sie als Mittel zum Zweck anwenden könntest, verstehst du? Den Mittelweg ergründen. Nicht das „Wieso“ ist von Bedeutung, sondern das „Wozu“.
Stille…
Nucky: Essen ist fertig.
Cole: Weißt du was? Ich geh hin.
Nucky: Zur deiner Familie?
Cole: Ja man.
Nucky: Sehr gut. Guter Mann. Gute Antwort. Komm, lass uns futtern.

 

Autor: Nikita Miller

Bild: 9Gag.com

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