Socken kaufen

Fortsetzung zu „Begegnungen“

Vor den Damentoiletten steht eine hundert Meter lange Schlange. Tina und ich tauschen einen Blick aus, nicken uns zu und rennen auf die Männertoilette. Tina öffnet vorsichtig die Tür…
„Hallo?“. Drin ertönt ein „Hallöchen!“ Mit zusammengekniffenen Augen meint Tina: „Wir wollen nur kurz auf´s Klo, beeilen uns auch! Wir kommen jetzt rein! Wir schauen auch nicht!“.
„Ihr könnt ruhig schauen, ich wasche grad ganz sexy meine Hände.“

Als wir beide wieder aus unseren Kabinen rauskommen, ist ein Mann gerade am Pissoir beschäftigt.
Tina und mir ist das mehr als peinlich: „Sorry! Wir wollen nur noch kurz Hände waschen! Wir schauen nicht hin!“
„Hier gibt´s nichts, was ihr nicht schon gesehen habt… nur mit ´nem anderen Gesicht.“ Wir gehen zügig aus der Herrentoilette. Nun stehen Tina und ich mitten im Kaufhaus Milaneo. Es ist Samstag. Ein Tag vor Ostern. Geil.
Eigentlich brauche ich nix, will kein Geld ausgeben. Brauche nur dringend neue Socken. Und zwar aus´m Primark, da kostet das Sechser-Pack nur 2,50€. Tausende Besucher kaufen Last-Minute-Ostergeschenke und nutzen die Osterrabatte „15% vom Osterhasen geschenkt“, „ostermäßige 20% Rabatt auf alles“, „bei einem Kauf ab fünf Handtaschen gibt’s einen Plüschhasen geschenkt“. Bin überfordert, will doch nur Socken kaufen.
Tina und ich stehen im Untergeschoss. Die Sockenabteilung vom Primark ist zwei Stockwerke weiter oben. Wir kämpfen uns zur Rolltreppe vor, vorbei an Frauen mit überdimensionalen Kinderwagen, Grüppchen von Jugendlichen, die die gesamte Breite des Weges für sich einnehmen, und älteren Menschen, die ihre Schritte verlangsamen, um jedes Schaufenster drei Tage lang zu betrachten.
Auf der Rolltreppe genieße ich einen Moment unsere erkämpfte Freiheit und atme durch. Je höher wir fahren, desto besser sehe ich die Menschenmassen. Ich erblicke eine Osterspielwiese mit Riesenosterhasen, auf denen Kinder reiten können. Sonst gibt´s im Milaneo nur Pferdchen, heute halt auch Hasen. Die bewegen sich auch fort, aber ohne Motor. Sie funktionieren eher wie eine Schere, was dazu führt, dass kleine, meist dicke Kinder, Bewegungen ausführen müssen, für die Erwachsene eine Anzeige wegen sexueller Belästigung bekommen würden. Wenn da mal die große Schwester mitreitet, wird die Kinderspielwiese schnell zur Piepshow.
Tina findet das alles super: „ Oh schau mal die Ostereier! Die sind bestimmt zwei Meter hoch oder? Und diese Blumen! Oh brauche solche auch für daheim! Wunderschön!“. Ja… Der Frühling ist da…. Im Kaufhaus… während es draußen kalt ist und regnet.
Das erste Stockwerk kommt näher. Ich schließe meine Augen, um meine Kräfte zu sammeln. Tina und ich verlassen die Rolltreppe. Wir müssen nun auf die andere Seite des vierzigtausend Quadratmeter großen Kaufhauses laufen, um die nächste Rolltreppe nehmen zu können. Ich will doch nur Socken kaufen…
Es stehen noch mehr Familien mit Kinderwagen, Gruppen Jugendlicher, Kaufhausbummler und jetzt auch eine junge Dame im Weg, die für diesen ganz besonderen Einkaufstag ihre höchsten High Heels angezogen hat und eine französische Bulldogge, bekleidet in Polohemdchen und Golfmütze, hinter sich her zieht: „Pupsi komm, komm! Mami braucht noch eine neue Tasche! Pupsi komm jetzt! Ich möchte dich nicht wieder die ganze Zeit tragen! Du weißt, dass das meinem Rücken nicht gut tut!“
Ich überlege mir, was der Hund wohl denkt: „Die blöde Alte steckt mich jedes Mal in dieses beschissene Outfit! Ich würde ihr am liebsten in den…. Oh ich muss kacken! Ich brauch eine Wiese, ich muss kacken, kacken, kacken! Hier gibt´s keine Wiese! Ich brauch ne Wiese, ich muss kacken! Ich kann nicht mehr!“
Plötzlich rennt jemand an mir vorbei und rempelt mich an. Ich werde aus meinem Hund-Tag-Traum gerissen und bemerke: Tina ist verschwunden. Super. Sie anzurufen oder ihr eine Nachricht zu schreiben bringt nix: im ganzen Kaufhaus hat man keinen Empfang. Jetzt wieder zum Ausgang zu laufen würde mich einfach zu viel Kraft kosten. Ich verschiebe Tinas Rettung also auf später und kämpfe mich weiter in Richtung der nächsten Rolltreppe. Ich will ja nur kurz Socken kaufen.
Kurz vor der Rolltreppe versperrt mir eine Gruppe aneinander gereihter Hinterteile den Weg. Die Macher des Milaneo waren nämlich so intelligent alle Geschäfte des Kaufhauses auf einem Schild direkt an der Rolltreppe aufzulisten, sodass Besucher, die ihre Orientierung verloren haben, gleichzeitig für Stau sorgen.
Die drei 14-jährigen Mädels, die ihre Hinterteile jedem in den Weg strecken, der die Rolltreppe benutzen will, streiten sich:
„Isch hab noch gar kein Hunger man!“
„Ich will mich jetzt aber einen Schoko-Zimt-Vanille-Soja-Frozen-Diät-Frappuccino-Macchiato trinken. Und die Apple-Crumble-Cinnamon-Crunchy-Munchy-Donuts will ich auch probieren!“
„Also ich will unbedingt noch in den Passionata. Ich brauch n neuen Spitzen-Push-Up-BH und so.“
„Du brauchst ja gar keinen Push-Up. Guck mal mich an. Ich hab voll keine Brüste. Und ich bin fett und hässlich.“
„Nein man, du bist voll hübsch, echt jetzt und so.“
„Denkst Du Kevin findet mich auch hübsch?“
„Der findet dich bestimmt voll heiß und so.“
„Ja des stimmt voll, weil der Jeremy hat mir gesagt, dass die Lena gesagt hat, dass der Manu erzählt hat, dass die Caro gehört hat, dass dem Sammy sein Bruder mit dem Kevin geredet hat. Und da hat der gesagt der findet disch süß.“
„Hey Kevin und sein Kumpel sind heute auch hier, gel? Hat dem Sammy sein Bruder gesagt. Die sind immer beim McDonald´s oben.“
„Ja komm, dann kaufen wir uns jetzt alles was beim Passionata, und wenn Kevin und so des sehen, kommt des bestimmt voll gut und so.“

Die drei Mädels ziehen von Dannen und ich kann endlich auf die Rolltreppe. Hinter mir platziert sich ein älterer Herr ebenfalls auf der Rolltreppe. Er macht den Eindruck, als ginge er nur in überfüllte Kaufhäuser, um „zufälligen“ Körperkontakt mit anderen Menschen zu haben. Anstatt eine Stufe Abstand zu lassen, stellt er sich auf die direkt unter meiner und lässt seine Plauze hängen. Sein Geruch von altem Kölnisch Wasser, Schweiß und Knoblauch verätzt meine Nasenschleimhaut
Ich bin ich froh die Rolltreppe endlich wieder verlassen zu können und kämpfe mich weiter in Richtung Primark. Ich kann die blaue Neon-Schrift des Geschäftes schon lesen, werde aber von der Seite angequatscht:
„Haben Sie Interesse an unserem Sky-Fussball-Abonnement?“
„SOCKEN!!!“
Ich laufe weiter und… bin endlich da! Ich richte meinen Blick beim Betreten des Ladens sofort auf den Boden, um nicht in Versuchung zu geraten, mir noch etwas anderes außer Socken zu kaufen. Die wilde Schnäppchenjagd hat im Primark bereits Opfer gefordert und zahlreiche arme Kleidungsstücke auf dem Boden hinterlassen.
Wie fremdgesteuert umgehe ich kurzerhand die Sockenabteilung und stehe plötzlich von einem hellblauen Mantel. Ich muss ihn haben. Es gibt ihn nicht mehr in meiner Größe, aber für den Preis wachse ich in zwei Sekunden rein. Ich muss ihn anprobieren. Ich kämpfe mich durch bis zu einem Spiegel, ziehe meine Jeansjacke aus und postiere sie samt meiner Handtasche direkt vor mich auf den Boden. (Ich könnte meine Sachen ja auch in eines der Schließfächer deponieren, die es extra für Besucher des Milaneo gibt. Einziges Problem: Dreißig Schließfächer, fünftausend Menschen.)
Ich ziehe den hellblauen Mantel an, will in den Spiegel schauen und….. sehe pink.
Sie: „Schatz, schau mal! Steht der mir gut?“
Er: „Joa….“
Sie: „Der Blazer passt perfekt zu meiner pinken Tasche oder?“
Er: „Joa…“
Sie: „Oh und die beigefarbene Hose, die ich Barcelona gekauft habe, sieht dazu bestimmt Hammer aus oder?“
Er: „Joa…“
Sie: „Den nehme ich!!“

Der Spiegel ist wieder frei! Ich lege meine Tasche und Jeansjacke etwas aus dem Weg und richte mich auf, um mich im Spiegel – da steht sie schon wieder.
Sie: „Schatz! Aber ich glaub, der sieht besser aus oder?“
Er: „Joa…“
Sie: „Die Farbe beißt sich nicht so sehr mit der Handtasche finde ich, was meinst du?“

Ich beiße DICH gleich, wenn du nicht endlich vom Spiegel verschwindest!
Mir wird das Ganze zu blöd, der Mantel wird jetzt gekauft. Ich schnappe meine Tasche und Jeansjacke und stelle mich an der Kasse an. Ein Verkäufer verkündet leicht gestresst: „Wartezeit etwa fünfundvierzig Minuten!“.
Fünfundvierzig Minuten meines Lebens sind im Primark draufgegangen…. und ich konnte nichts anderes tun als warten… kein Handyempfang… keine Freundin, mit der du dich unterhalten kannst… sondern lauter Dekoartikel und Accessoires auf dem Weg zur Kasse, von denen du dich nicht ablenken kannst und sie einfach kaufen musst. Ich bezahle… 124,99€… und verlasse diesen furchtbaren Ort…
Vorm Primark entdecke ich eine riesen Menschenmenge, die sich um das Geländer versammelt hat und nach unten auf die Spielwiese im Erdgeschoss blickt. Ich werde neugierig, dränge mich zwischen den Menschen hindurch bis zum Geländer und sehe: Tina. Sie reitet auf einem RiesenOsterhasen.
Zwei Jungs, etwa 15 Jahre alt, stehen neben mir:
„Boah ey die Alte isch voll krank man!“
„Ja übel man! Isch film grad und mach des nachher auf Youtube!“
„Ey hast du jetzt eigentlisch n Date mit Lena?“
„Ja man… isch fand die eigentlisch nisch so geil, aber die hatte heute so Tüte mit Bh´s und so dabei. Isch schon voll heiß.“
Ich bemerke: Das muss wohl Kevin sein.

Ich lasse die Jungs hinter mir, quetsche mich durch bis zur Rolltreppe, fahre in den ersten Stock, kämpfe mich weiter durch bis zur nächsten Rolltreppe und komme endlich im Erdgeschoss an. Tina hat mich schon entdeckt: „Wooohooooo, hier bin iiiiich!“ Die Menschenmenge jubelt. Ich zerre sie von dem Osterhasen und wir verlassen fluchtartig das Milaneo
Draußen angekommen verkündet Tina stolz: „Schau mal, ich hab mir so n Sky-Abo gekauft!! Da kann ich jetzt die Championsleague und so Zeug anschauen.“
Ich frage sie: „Tina, wozu? Du kannst Fußball nicht ausstehen…“
Tina: „ Vielleicht mag ich´s ja jetzt! Und was hast du Schönes gekauft?“
Ich: „Ach nicht viel… ´n hellblauen Mantel, ein Paar Sandalen, Haargummis und Durftkerzen… und ´n Kulturbeutel… und ´n Bikini… und ´n Kissen, auf dem ‚Carpe Diem’ steht“.
Ja. Ich habe die Socken vergessen… Geil.

 

Autor: Diana Birk

Bild: 9gag.com

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