Mitfühlende Weihnacht

Gestern bin ich in die Stadt gefahren, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Ja, ich hab fast Hundert Euro ausgegeben. Nein, ich habe kein einziges Weihnachtsgeschenk gekauft. Und ja, ich habe ein Problem.

Aber was soll ich machen? Shoppen macht uns Frauen halt glücklich. Haben jetzt auch Forscher gesagt. Die meinen nämlich, dass der Körper bei einem Kaufrausch so viele Glückshormone produziert, sodass Frau gar nichts anderes mehr tun kann, als beim Shoppen glücklich zu sein. Außerdem haben Forscher auch ein psychologisches Phänomen entdeckt. Wenn du als Frau nämlich den ganzen Tag durch Klamottenläden pilgerst und es einfach nirgendwo den perfekten grauen Mantel gibt, dann bist du frustriert, müde und total unglücklich. Was tust du also, um dich selbst wieder aufzumuntern? Richtig: Du kaufst für 50€ Weihnachtsdeko. Also rote, silberne und goldene Weihnachtskugeln, Kunstschnee, kleine Nikoläuse, Kerzen, Lichterketten und Nikolausmützen. Wieso? Weil dich das zwar immernoch nicht ganz so glücklich macht, wie der graue Mantel, aber trotzdem noch mehr, als wenn du gar nichts gekauft hättest. Was bei mir die Frage aufwirft: bereitet mir so ein Mantel die Glückshormone? Oder reicht es, wenn ich einfach nur Kohle ausgebe…? Also für etwas, das ich oder ein anderer vielleicht irgendwann mal brauchen könnte…

Naja, dann hab ich gedacht, ist es ja eigentlich gar nicht so schlimm, wenn ich mir so oft etwas kaufe. Vielleicht liegt da ja gar nicht das Problem. Das Problem liegt wo anders.

Stell dir vor: Du gehst in die Stadt. Du pilgerst von einem Klamottenladen zum nächsten. Du findest wundervolle Highwaist Jeans, eine ChiffonBluse, einen Blazer, drei Cardigans und HighHeels. Du gehst an die Kasse. Glücksströme durchfluten dich. Du legst deine Ware auf den Tisch. Du holst deinen Geldbeutel raus. Du öffnest ihn. Du ziehst deine EC-Karte raus. Du bist nur wenige Sekunden vom großen Glück entfernt. Und Zack! Da schießt dir eine Stimme durch den Kopf: HÖR AUF DIR SO VIELE SACHEN ZU KAUFEN! DU BIST ABSOLUT BLANK!! DEIN KONTO IST SO LEER WIE DONALD TRUMPS HIRN! HÄTTEST DU DIR BLOSS EINEN ANSTÄNDIGEN BERUF AUSGESUCHT!! KÜNSTLER VERDIENEN DOCH NIX!! UND WANN WILLST DU DIESE KLAMOTTEN ÜBERHAUPT ANZIEHEN?! IN SOLCHEN SACHEN SIEHT NUR BEYONCE GUT AUS!!!

Ich bin jetzt offiziell im Kampf gegen diese Stimme. Wieso? Weil die mir schon ewig auf den Keks geht. Die taucht ja nicht nur beim Shoppen auf. Übertragen wir Ganze mal auf eine Situation daheim: Du bist auf einen Geburtstag eingeladen. Du willst dafür extra einen Kuchen backen, hast aber nix dafür gekauft. Es ist schon 23Uhr und alle Supermärkte sind bereits geschlossen. Du kratzt die letzten Reste an Zutaten zusammen und backst damit einen Kuchen. Natürlich willst du, dass der auch gut schmeckt, also probierst du einen kleinen Krümel. Und er schmeckt geil. Du schneidest dir ein kleines Scheibchen ab. Dann noch eins. Und noch eins. Und da ist die Stimme: DU EGOIST!! HÖR AUF DEN GANZEN KUCHEN ZU FRESSEN!! AUCH WENN ER GEIL IST!!! DAS FETT SETZT SICH AUF DEINEN HÜFTEN AB!!! INS FITNESSSTUDIO GEHST DU SCHON SEIT 3 MONATEN NICHT MEHR!! BALD KANNST DU IN JEDER KOCHSENDUNG MIT REINER CALLMUND ERZÄHLEN, WIE GEIL DAS ESSEN SCHMECKT!! Hörst du dann auf?! Nein! Ehe du dich versiehst hast du den ganzen Kuchen verputzt. Du weißt ja nie, wann du mal wieder so einen geilen Kuchen backen wirst.

Wenn dir so eine Stimme permanent begegnet, hörst du entweder auf sie oder du ignorierst sie. Oder du kämpfst eben gegen sie. So wie ich. Also kaufe ich. Die Highwaist Jeans, die ChiffonBluse, den Blazer, drei Cardigans und die HighHeels. Auch wenn mein Konto danach überzogen ist. Nächstes Problem ist: Nach dem Einkauf fängt die Stimme an, sich mit der Mannschaft der Glückshormone zu streiten. In meinem Körper spielt sich dann folgendes ab:

Stimme: SIE DENKT NUR AN SICH!! WAS IST MIT DEN WEIHNACHTSGESCHENKEN?

Glückshormone: Sie denkt nicht nur an sich, sondern auch an uns! Nur durch ihre Heldentat konnten wir geboren werden.

S: SO EIN SCHWACHSINN! SIE HAT JETZT NOCH WENIGER KOHLE UND IMMERNOCH KEINE GESCHEN-KE!

G: Das ist alles nicht so wichtig. Sie ist jetzt glücklich.

S: HALLO?! PLEITE!!!

G: SCHEIßEGAL!!! GLÜCKLICH!!!!

Wie also gehst du jetzt damit um, wenn in dir drin dauernd der Punk abgeht? Hab mal meine Freundin Tina gefragt. Sie meinte: „Ich habe ein ganz tolles Buch über buddhistische Psychologie. Das weise Herz von Jack Kornfield. Da steht genau drin, wie du mit sowas umgehen kannst.“

Also gut, dachte ich mir. Kann ja nicht schaden sich das mal durchzulesen. Hab erstmal auf Wikipedia gelesen, wer dieser Jack Kornfield ist. Aha… Buddhistischer Mönch… Hat Psychologie studiert… Ja gut, liegt dann nahe, dass man dann ein Buch über buddhistische Psychologie schreibt. Also hab ich mal angefangen das zu lesen. Und ich bin begeistert. Da geht es um die wichtigsten Prinzipien der buddhistischen Mönche. Eines dieser Prinzipien ist es, allem und jedem mit Mitgefühl zu begegnen. Auch sich selbst. Ist echt schwierig. Wenn man mal bedenkt, dass so ein Mönch ja hunderte von Prinzipien befolgt. Zum Beispiel: Sehe die Schönheit in jedem Menschen. Oder: Lasse von deinem Selbst los. Oder: Sei achtsam. Unglaublich. Mach das alles mal gleichzeitig. Wie kriegt ein Mönch sowas eigentlich hin? Jeden Tag meditieren und Prinzipien befolgen? Vielleicht gibt´s für sowas ne App mit Erinnerungswecker: „Dingeling! Ab jetzt bitte achtsam sein!“. Und dann ist da noch n Bonusprogramm integriert: „Sammle Meditations-Paybackpunkte und erhalte 50% Rabatt auf deine nächste Mönchskutte.“ Anders kriegt man sowas ja nicht gebacken.

Also, ich hab jetzt mal angefangen das Prinzip des Mitgefühls in die Praxis umzusetzen. War heute morgen beim Starbucks. Hab bei der Dame an der Kasse einen Zimt-Soja-Latte zum mitnehmen bestellt. Du musst ja dann gleich zahlen, die schreibt deinen Namen auf den Pappbecher und dann wartest du an der Ecke, bis der Mensch hinter der Kaffeemaschine dein Heißgetränk zubereitet hat. Heute Morgen ist dieser Mensch hinter der Kaffeemaschine ein Südamerikaner. Zwischen seinen besonders voluminösen Wangen sieht man herunterhängende Mundwinkel, sein Blick sagt aus: „Ich hasse diese Laden.“ (in spanischem Akzent). Ich schließe daraus: der Typ ist nicht gerade happy. Wie soll er auch, wenn er zur Weihnachtszeit im Coffeeshop arbeiten muss und auf seinem Namensschild Rudolfo steht?

Normalerweise hätte ich mich ja kaputt gelacht. Aber ich bin nochmal rausgegangen, hab mich da weggeschmissen, bin wieder rein und hab gleich nochmal einen Zimt-Soja-Latte bestellt. Damit er auch das Gefühl bekommt, er sei mehr, als nur ein Mann namens Rudolfo, der Rentierohren trägt. Danach hatte ich leider noch weniger Kohle. Dafür aber auch etwas mehr Mitgefühl.

Mit meinem Zimt-Soja-Latte in der Hand laufe ich also zum Schlossplatz und setze mich dort auf eine Bank. Will ja gerne in meinem Buddha-Buch weiterlesen. Und wie ich da so sitze und wieder total fasziniert von buddhistischen Mönchen bin, setzt sich auf einmal jemand neben mich. Ich dreh mich zur Seite und fall schier von der Bank durch: da sitzt ein buddhistischer Mönch!!! So richtig mit goldgelber Mönchskutte. Sitzt der einfach so neben mir und lächelt mich an! Was soll ich jetzt tun? Überlege mich vor ihm zu verbeugen! Apropos: wie begrüßt man eigentlich einen Mönch? Hallo? Grüß Gott? Oder eher: Grüß Buddha?

Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, ich könnte ja auch einfach cool sein und fragen: Na, alles in Buddha? Meine Gedankenfluss wird durchbrochen, denn plötzlich sagt er: „Du liest.“ WOW!!! Der Typ ist so unfassbar aufmerksam! Ich nicke. „Darf ich dir ein paar Fragen stellen?“ Man hat der ne ruhige Stimme. Der Typ muss ja so extrem mitfühlend und glücklich sein. Der hat ganz bestimmt keine Probleme mit seinen Glückhormonen! „Ja klar“, antworte ich. „Läufst du gerne barfuß?“ Oh man, eigentlich gar nicht gerne. Du musst ständig aufpassen, dass du nirgendwo reintrittst und danach hast du dann Hornhaut an den Füßen. Aber buddhistische Mönche laufen ja eigentlich immer barfuß. Weil sie dann erdverbundener sind oder so. Wenn ich jetzt nein sage, denkt der bestimmt total schlecht von mir. Also antworte ich: „Ja ich lauf total gerne barfuß…“. „Wo läufst du denn am liebsten barfuß?“ Der will doch grad sicher irgendwas Bestimmtes von mir hören. Nicht sowas einfallsloses, wie auf Rasen oder am Strand. Vielleicht sollte ich sagen in Tempeln. Aber das wäre bisschen zu krass. Ich war ja noch nie in nem Tempel. Vielleicht kann man da gar nicht barfuß laufen. Aber in Kassel gibt´s ein Yogastudio, das Barfußtempel heißt. Vielleicht kann man das ja doch? Sonst würden die sich ja nicht so nennen.

Der Mönch lächelt mich immernoch freundlich an und wartet auf meine Antwort. „Auf Strasen…. Äh am Rand… Ich meine, Rasen und Strand.“ Er lächelt immernoch. Puh, ich glaub meine Antwort war ganz gut. „Was für ein Gefühl hast du, wenn du barfuß läufst?“ Äh naja… kein tolles Gefühl. Ist nicht grad angenehm, wenn du in einen Kieselstein dappst. Aber das will er sicherlich nicht von mir hören. Also antworte ich: „Ich fühle mich eins mit allem.“ Alter Buddha, das war kitschig. Doch der Mönch lächelt nun noch mehr. Anscheinend hab ich ihn überzeugt. „Würdest du nun bitte deine Schuhe ausziehen? Ich würde gerne an deinen Füßen lecken.“

….ähm… was? Moment mal: ist der Typ überhaupt Mönch? Ich werde skeptisch, bekomme ein bisschen Angst und frage ihn: „Weshalb haben Sie mir die ganzen Fragen gestellt?“

„Ach das ist für eine persönliche Studie.“

„Und wofür ist die?“

„Naja, nur für mich.“

„Aha… und da lecken sie ab und zu an Füßen?“

„Ja, ich mache das schon seit 6 Jahren.“

Endlich macht sich diese Stimme in mir mal nützlich und schreit: „ALARM ALARM!!! Der Typ ist kein Mönch sondern ein Perverser! Der hat sich die Kutte nur für seine Glückshormone gekauft!! Und jetzt verkleidet der sich nur wie ein Mönch, um dann wie in nem Psychothriller irgendwelche jungen Menschen dazu zu bringen, ihm die Füße auf einem Silbertablett zu servieren! Und dann geilt er sich daran auf!!!“

„Also, würden Sie dann bitte Ihre Schuhe ausziehen?“

Was mach ich denn jetzt?!?! Ich versuche ruhig zu bleiben und überlege mir: Was würde so ein echter buddhistischer Mönch, wie Jack Kornfield, jetzt machen? Ich atme einmal tief durch. Voller Mitgefühl schaue ich den Fake-Mönch also an und sage ganz sanft: „Mein Füße kriegst du nicht. Aber du kannst mich mal am Arsch lecken, du perverser Sack.“, und laufe schnellstmöglich davon.

Heute habe ich mein erstes eigenes Prinzip aufgestellt: Schließe nie vom Äußeren auf das Innere!

Ich bin dann wieder zum Starbucks. Rudolfo war immer noch an der Kaffeemaschine. Hab mir nochmal ein Zimt-Soja-Latte bestellt und mich mit ihm über falsche Mönche unterhalten. Und über so manch andere Verkleidungen.

 

Autor: Diana Birk

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